01.10 – Nordarmenien und die russische Geschichte

01.10 – Nordarmenien und die russische Geschichte

Mittwoch 01.10.14 – 5. Tag

Das Frühstück fällt ebenso spärlich aus wie das Abendessen, wir sind dennoch satt geworden und es hat auch geschmeckt, nur fehlt ein wenig die bislang gewohnte Vielfalt. Wir packen unsere sieben Sachen und fahren zu einem Reifenservice, der Jürgens Hinterrad wieder mit ordentlichem Druck versieht. Am Hotel war er wieder platt und wir haben gemeinsam abwechselnd die Handpumpe bedient. Die Mechaniker bewundern unsere Motoräder und freuen sich über unseren Besuch, für ihre Arbeit nehmen sie kein Geld.

Wir fahren bis kurz vor der Ortsgrenze und fahren über kleine Weidewege zu der Festung Lori Berd. Die Festung befindet sich am rechten Ufer des Flusses Dzoraget, der sich eine tiefe Schlucht gegraben hat.
Das mittelalterliche Schloss Lori-Berd wurde schon um 1.000 nach Chr. gebaut, und heute sind nur einige Ruinen der Burg erhalten und gehören zum historischen Schutzgebiet.
Wir bewundern neben den Restmauern ganz besonders das Fahrrad eines Mannes, der wahrscheinlich rein zufällig hergefahren kommt. Mit Fransen und Verzierungen steht das Fahrrad in der Sonne, während er auch unsere Motorräder begeistert ansieht.

Auf staubigen Straßen und Sandpisten fahren wir Richtung Kobayr. An einem Feld halten wir und wir werden von den Bauern begrüßt, sie bestellen gerade das Feld und freuen sich über die kurze Ablenkung durch uns. Die Saat liegt in weißen Kunststoffsäcken auf dem Lkw,und ein alter Raupentrecker fährt über den Acker. Auf dem Weg herrscht reger Verkehr, da wir uns im fruchtbaren Teil Armeniens befinden. Die alten russischen Lkw werden mit allerlei beladen, u.a. sehen wir Kühe auf der Ladefläche.

Mit unheimlich freundlichem Wesen erzählen die Bauern Juri alles in russischer Sprache, sie sind begeistert, dass wir anhalten und uns für sie interessieren. Uns machen die alten Geräte Spaß, die gab es bei uns so nicht. Auf den großen Weideflächen sehen wir Schafherden, Pferde und Kühe, die in der Endlosigkeit grasen.

Die Ortschaften sind nur über diese sandigen Pisten erreichbar, es gibt aber auch Linienbusse, die die Menschen abholen.
Die typischen Gasleitungen sind überall zu sehen, mal in gelb, mal verrostet verlaufen sie parallel der Dorfstraße. Die Hausanschlüsse sind von der Straße zugänglich. Vardan erzählt, dass die Verlegung der Leitungen unterirdisch zu gefährlich sei. Einmal wegen der Erdbebengefahr und zum zweiten, dass jeder ohne Genehmigung buddeln darf und so eine Leitung zerstören könnte.

Ein paar Kilometer weitern halten wir an einem Kartoffelacker, die Menschen ernten die Kartoffeln mit einem Kartoffel Ernter, wie wir ihn von vor 50Jahren bei uns kennen. Auch hier werden wir freundlich begrüßt, wir erhalten jeder eine große Weintraube, die Beeren schmecken sehr lecker, aber wir können sie nicht verstauen und geben einige zurück. Ein kleiner Junge ist ganz stolz, einmal auf dem Motorrad zu sitzen, starten sollen wir aber nicht. Wir fahren weiter, und die Frauen und Männer auf dem Feld winken zum Abschied.

In Odsun besichtigen wir die im 7. Jahrhundert erbaute Kathedrale von Odsun, die heute restauriert wird. Die Bauarbeiter hantieren die dicken Sandsteine per Kran, der aber auch reparaturbedürftig scheint. Wir verweilen in der Sonne und sehen uns auf dem Gelände die vielen Grabsteine des Klerus an.
Wir fahren weiter durch die Debetschlucht über herrliche Serpentinen über Alaverdi zum Haghpat Kloster. Wir sind nahe der armenisch-georgischen Grenze, die Landschaft an der Schlucht ist atemberaubend. Aus dem Tal kommt uns jedoch ein dunstiger Qualm entgegen. In der Sowjetzeit begann in der Bergbausiedlung der Ausbau der Kupferhütte zum Kupfer- und Chemiekombinat Alaverdi.

Auf den zumeist ungeschützten kargen und zugigen Bergplateaus wurden neue Stadtteile als Wohnblocksiedlungen angelegt und Seilbahnen für den Personen- und Materialtransport errichtet. Aus Gesundheits- und Umweltschutzgründen wurde das Kupfer- und Chemiekombinat geschlossen.
Zum Stadtgebiet gehört das Dorf Sanahin, der Geburtsort der Brüder Artjom und Anastas Mikojan.

Artjom Mikojan war zusammen mit Michail Gurewitsch Konstrukteur des russischen Düsenflugzeugs MIG. Anastas hatte als Politiker viele verschiedene Ministerposten unter Stalin, Chruschtschow und Breschnew inne. Wir besuchen das Museum, das zu Ehren der Stadtsöhne aufgebaut wurde. Am Eingang steht die MIG 21, wo wir von einer Verwandten der berühmten Brüder empfangen werden. Sie führt uns durch das Museum und erklärt die Exponate mit viel Freude.


Wir fahren weiter zum Kloster Sanahin, das in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts gegründet wurde und als die vollkommenste Klosteranlage Armeniens gilt. Das Kloster war auch eine Art Akademie bzw. Universität mit einer großen Bibliothek.
Auf dem Gelände befindet sich ebenfalls ein Friedhof, wo wieder die typischen Abbildungen der Toten und deren Todesursache zu sehen sind.

Auf dem Weg zum Kloster sind verschiedene Stände aufgebaut, wo meistens Frauen Gestricktes, Magneten und Kruzifixe zum Kauf anbieten. Jürgen entdeckt eine alte Frau, die gerade Schnaps brennt. Die Destillieranlage ist aus Fässern und Bottichen zusammengebaut. Sie bietet auch uns Flaschen zum Kauf an, aber mit dem Hinweis, dass wir Motorrad fahren, verzichten wir darauf-

Der Klosterkomplex Haghpat ist nicht weit entfernt, über Serpentinen erreichen wir den Komplex aus dem 9. Jh. Wir trinken als erstes einen Kaffee, dazu werden Frischkäse, Gurken und Tomaten serviert. Wir ruhen uns ein wenig vom anstrengenden Vormittag aus, bevor wir die alten Gemäuer besichtigen. Das gesamte Kloster ist von einer Wehrmauer umgeben. Über das Gelände verteilt finden wir Steine mit kunstvollen Gravuren, die meist Kreuze darstellen und bischöfliche Grabstätten. Nach eine dreiviertel Stunde fahren wir wieder weiter.

Die Straße führt uns über Ayrun entlang der Georgischen Grenze und dann Richtung Süden entlang der Grenze zu Aserbaidschan nach Ijevan. Ein paar Kilometer hinter dem Ort biegen wir rechts auf die Schotterstrecke ab und fahren ungefähr eine Viertelstunde auf schwerem Schotterweg hoch zu einem Freund von Vardan, der uns für die Nacht in sein Haus einlädt. Die Familie ist im Haus und wir werden auch von den Kindern begrüßt.
Es gibt zwei Zimmer für uns, die mit Etagenbetten ausgestattet sind. Nachdem wir uns etwas frisch gemacht und umgezogen haben, essen wir zu Abend. Der Gastgeber erzählt einiges vom Leben auf dem Land, er spricht relativ gut deutsch und wir haben in dem mit einem kleinen Stahlofen gut aufgeheizten Wohnraum einen kurzweiligen Abend.