2.10 – Grenzgebiet und Bekanntschaft mit Hirten

Donnerstag 2.10.14 – 6. Tag

Am Morgen frühstücken wir auf dem Balkon, die Sonne scheint und drängt den Nebel weg, es ist schon früh recht warm. Das Frühstück ist toll, mit süßem Kuchen, gefüllten Blätterteigtaschen, leckerem Schafkäse, das übliche Brot und Lavasch mit verschiedenen Marmeladen und Botok (eingelegte grüne Walnüsse), dazu gibt es wie oft Tomate und Gurken.
Wir verabschieden uns von der überaus gastfreundschaftlichen Familie und vom Kleinen und fahren die Schotterpiste runter zur Hauptstraße. Auf der Straße laufen Pferde, die Reißaus nehmen als wir näher kommen. Im Galopp rennt die Herde entlang der Straße und verschwindet an einem Tor.
In Ijevan tanken wir und suchen nach einem Reifenhändler, wo Vardan Jürgens Reifen flicken möchte.

An einem Nightclub halten wir und schieben Jürgens XT zur anderen Straßenseite, wo der Reifenhändler Vardan alles zur Verfügung stellt. Vardan tauscht den Schlauch in kurzer Zeit, und das Hinterrad ist auch schnell wieder montiert, während wir die Menschen und den Verkehr auf der belebten Hauptstraße beobachten.

Nachdem alles wieder verstaut ist fahren wir wieder in das Zentrum Ijevan und biegen links Richtung Berd ab. Anfangs ist die Straße noch asphaltiert, wir passieren einige kleine Vororte von Ijevan und schließlich wird die Straße zur Piste. Es staubt ganz ordentlich und wir fahren die Serpentinen hoch. Dann treffen wir auf eine Baustelle, die Lkw und Bagger stehen auf dem Weg und wühlen alles kaputt, die Serpentinen sind schwer zu fahren, der Sand ist rutschig und von dem Schwerverkehr aufgewühlt.

Aber wir schaffen die 2 km und gelangen auf eine Ebene, wo Vardan an einem Schuppen anhält. Zwei Männer stehen draußen und winken uns zu. Wir halten alle, und schnell gesellen sich vier weitere Männer dazu. Wir möchten doch einen Kaffee mit ihnen trinken, sagt Vardan und wir freuen uns auf das Angebot.

Der scheinbar Ältere zeigt uns den Weg in die Hütte durch die kleine Tür. Die Wände sind mit weißer Plastikfolie aus alten Plastiksäcken mit dem Aufdruck „50kg Wheat flour Gift of Russia“, der Boden besteht aus verdichtetem Lehm. Ein Tisch und rechts und links davon stehen Betten, der Raum wird von einem Stahlofen beheizt.
Der Hausherr stellt einen Kunststoffbehälter mit eingelegtem Krautsalat und zwei Teller mit verschiedenem Schafkäse auf den Tisch, das Brot wird auf dem Stahlblechofen geröstet.

Er braut den Kaffee und reicht jedem eine Tasse. Es ist richtig warm in der Hütte. Wir unterhalten uns prächtig, Vardan übersetzt fleißig und die Hirten freuen sich, endlich mal wieder fremde Leute zu sehen. Wir sind auf ungefähr 2.200m und die Leute wohnen hier mit fünf Familien im Sommer.
Sie fahren nur ab und zu mal in die Stadt Ijevan oder Berd. Im Spätherbst bringen sie das Vieh in das Tal.

Der Pass wurde im Zuge des Krieges gegen Aserbaidschan ausgebaut, heute verlieren sich hier selten Menschen.
Sie leben völlig autark, Lebensmittel pflanzen sie selber an, ab und zu gehen sie zur Jagd, der Hausherr zeigt uns seine Waffe. Die Kuh- und Schafsherden müssen vor wilden Tieren beschützt werden, sagt der ältere. Wölfe und Bären sind hier häufig zu sehen, aber auch Wildkatzen und Luchse reißen schwache Tiere.

Nachdem wir gut gestärkt sind, gehen wir wieder in die frische Luft und starten die Motorräder, die Hunde bellen und die Männer winken freundlich zum Abschied.
Bei Navur biegen wir rechts ab, teilweise ist die Straße befestigt, doch überwiegend haben wir Schotter auf der Piste. Die Landschaft ist herrlich, weite Täler mit Wiesen und teilweise Wälder.

Wir kommen in das Dorf Gosh, wo sich ein ehemaliges armenisches Kloster aus dem 12. bis 13. Jahrhundert befindet. Das gut erhaltene Bauwerk wird nicht mehr kirchlich genutzt und wird wie schon häufiger gesehen restauriert. Auf dem Vorhof ist die Statue von Gregor dem Erleuchter, oder auch Gregor der Illuminator. Mit Kapuze und bitterer Mine hält die Bronzestatue eine Waage in der Linken und beobachtet die Kirchgänger.
Nachdem wir die Kirchen besichtigt haben, erholen wir uns in einem Café, die gute Frau serviert Thymiantee, mit etwas Zucker ist der Tee richtig erfrischend. Ich nehme mir auch einen Beutel getrockneten Tee mit.
Wir erreichen wieder die Hauptstraße, und die Motorräder laufen schön ruhig auf dem guten Asphalt, irgendwie erholsam.

Doch Vardan biegt wieder ab und wir fahren auf einer halbwegs zerstörten Straße mit vielen Kurven in dichtem Wald zum Parz Lich, d.h. klarer See. Er soll zu den schönsten Seen Armeniens gehören und befindet sich auf 1400m. Der See scheint aber nicht klar, sondern eher grünlich verdreckt. Am See hat sich eine Gastronomie niedergelassen, ein Restaurant mit sehr vielen Tischen, ein Imbiss ist direkt daneben. WiFi ist auf großen Schildern propagiert, und wir haben Empfang.

Wir spazieren auf und ab bis wir auf eine Gruppe älterer Damen treffen. Eine kann etwas deutsch und sie haben viel Spaß, als wir uns mit ihnen unterhalten. Ganz überrascht sind sie als Jürgen etwas auf Russisch sagt. Sie fangen an zu singen und lachen.
Den holprigen Weg fahren wir wieder zurück und fahren nun etwas zügiger, denn ab Dilijan wird die Straße besser. Vardan gibt Gas, es ist ja auch schon wieder nach 17:00 Uhr.

Irgendwo bei Margahovit hält Vardan an und erklärt, dass die neuen Gebäude unterhalb der Straße eine internationale Schule seien. 2.500 bis 3.000€ pro Monat soll der Schulplatz kosten. Wir stehen gerade bewundernd an der Straße und sehen uns den gepflegte Campus mit mehreren Gebäuden, verschiedenen Sportplätzen an, als uns einer von drei Jungs in englisch anspricht. Where do you come from? Fragt er in akzentfreiem Englisch.
Er stellt sich und seine Kollegen freundlich vor und fragt uns, warum wir Armenien besuchen. Die Jungs sind an der Schule und kommen aus Georgien, der Ukraine und Armenien. Der Armenier lebt aber in St. Petersburg. Die Jungs sind gut gekleidet und fragen sehr höflich aber bestimmt und verabschieden sich mit netten Worten. Die müssen viel Geld zu Hause haben.

Wir haben es nicht mehr weit zum Hotel, das aus dem Haupthaus mit Rezeption und Restauration sowie einigen Häusern Besteht. In den Häusern sind die Zimmer, die eigentlich schon als Wohnung bezeichnet werden können. Vardan wartet die Motorräder, Jürgens Reifendruck ist noch konstant, aber die Ketten werden geprüft und gefettet. Danach treffen wir uns zum Abendessen im Haupthaus.
Leider hat eine Busreisegruppe alle Tische rund um das Buffet belegt und wir weichen in die Halle aus. Heute gibt es Suppe, natürlich auch Salat und Geschnetzeltes, als Nachtisch Baklava.
Die Bustouristen, die überwiegend aus London kommen, sind schon lange weg, und es ist Ruhe im Haus eingekehrt und wir verbringen noch einige Zeit in der warmen Halle bei einem leckeren Bier und lassen den Tag Revue passieren.