03.10 – entlang der blauen Perle zur Seidenstraße

Freitag 03.10.14 – 7. Tag

Nach dem Frühstück fahren wir zurück zur Straße und biegen ab zu dem Molokanerdorf Semenovka. Vardan mahnt uns, auf die Ehre der Menschen Rücksicht zu nehmen und keine Fotos von ihnen zu machen.

Die Molokaner sind eine Gemeinschaft des spirituellen Christentums, die sich von der Russisch-Orthodoxen Kirche getrennt hat. Übersetzt bedeutet Molokaner „Milchtrinker“, weil sie an den Fastentagen Milch zu sich nehmen. Wir fahren langsam durch das Dorf, sehen aber auch niemanden, wir nehmen die Aufforderung ernst und lassen die Kameras unberührt. Am Ende des Dorfes biegen wir wieder auf die Hauptstrasse.

Wir fahren die M8 wieder zurück bis Dilijan und nähern uns über die M4 dem Sevan-See. Leider ist die Sicht auf den See durch den dicken Nebel versperrt, es wird kälter als wir die Serpentinen rauf fahren. Auf der anderen Seite des Passes ändert sich am Wetter leider nichts.

Der größte See in Armenien wird auch „Blaue Perle Armeniens“ genannt und liegt auf ca. 1.900 m über dem Meeresspiegel. Der See ist mit einer Fläche von etwa 940 km² fast doppelt so groß wie der Bodensee. Durch Wasserentnahme ist der See um 30% kleiner geworden, 1984 waren es noch 1.262 km². Sevan am Nordufer des Sees war einer der beliebtesten Badeorte zu Sowjetzeiten.

Wir besuchen die Reste des Sewanawank, ein ehemaliges Kloster am nordwestlichen Ufer des Sewansees. Heute sind nur noch zwei Kirchen davon übrig, die Mauerreste liegen etwas abseits. Das Kloster liegt idyllisch auf der kleinen Halbinsel.

Die beiden Kirchen „Heilige Apostel“ und „Mutter Gottes“ haben die typischen kreuzförmigen Grundrisse und sind recht klein, 12×15 Meter und 8×10 Meter. Die Kirchen sind auch nicht besonders hervorzuheben, aber die Lage ist einmalig.

Auf der Treppenanlage stellen Maler ihre Künste aus, etwas sehr bunt für meinen Geschmack. Unten am Parkplatz ist mehr Trubel, einige Busladungen schlendern an den Souvenirständen vorbei, während wir Thymiantee trinken.

Nach der Pause fahren wir dann weiter und sehen auf der linken Seite immer wieder das Seeufer. An der Straße sind einzelne Stände, die Sanddornzweige und Früchte verkaufen, teilweise sind auch wieder die getrockneten Früchte im Angebot. Der Nebel löst sich langsam auf, und wir können den See auf der Linken gut sehen.

Im Dörfchen Noratus finden wir den historischen Friedhof mit seinen rund 1000 Kreuzsteinen. Rundgänge sind ausgeschildert, wir halten uns aber nicht an das vorgeschlagene Konzept der Hinweistafeln und gehen langsam entlang der mit Flechten bewachsenen Steine. Plötzlich kommt aus einer Grotte eine alte Frau, mit tiefen Furchen in ihrem braunen Gesicht und bietet mit traurigem Blick gestrickte Topflappen für 1.000 Dram an, Jürgen und ich kaufen ihr welche ab und die alte Frau drückt Bernd eine Strickmütze in die Hand. Bernd setzt sie auf und behält sie, 2000 Dram gibt er für die Mütze. Die alte Frau setzt sich glücklich in die Grotte zurück und wartet auf die nächsten Kunden.

Entlang des Sees geht es noch ein paar Kilometer und wir folgen der M10 bis Martuni, bleiben auf der M10 Richtung Yeghegnadzor.

Wir fahren durch eine wunderschöne leicht hügelige Landschaft, dem Selimgebirge mit spektakulären Ausblicken auf die Berge. Wir stehen oft an der Straßenseite und fotografieren.

An der Selim Karawanserei halten wir an. Es ist wieder nebelig geworden, auf dem Parkplatz steht ein Händler mit Früchten aus der Region.

Die im Jahr 1332 vom Prinzen Kesar Orbelian gebaute kleine Karawanserei bot Übernachtungsplätze für Reisende und Karawanen, die mit Ware beladen unterwegs waren. Die Seidenstraße war ein wichtiger Handelsweg für Waren, die für die Märkte in Europa und Orient bestimmt waren.

Die Straße runter vom Pass ist noch schöner, alle Farben sind an den Hängen zu sehen und da macht das Fahren richtig Spaß. Auch auf dieser Seite fotografieren wir wieder viel, wobei die Kurven auch zum Fahren einladen, Fahrspaß pur. In Yeghegnadzor angekommen, biegen wir zunächst nach rechts ab und besuchen das Kloster Noravank aus dem 13. Jahrhundert. Die Straße nach Areni ist schlecht und macht wenig Spaß, doch als wir links in die Schlucht des Amaghu einbiegen, kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wir durchfahren die massiven Felswände in schön geschwungenen Kurven

Ein besonderes Merkmal des Klosters ist die Fassade der zweigeschossigen Mausoleums Kirche, auf einer schmalen Treppe ohne Geländer gelangt man in die zweite Ebene der Kirchs. Das Raufkommen wäre für mich kein Problem aber runter wird es ein Drama: Ich verzichte auf den Aufstieg, aber Helmuth traut sich. Das Kloster ist ein Touristenmagnet, weil wir aber recht spät dran sind, sind nicht mehr viele Touristen da, und wir können die Idylle genießen.

Wir fahren durch die schöne Schlucht zurück zum Anfang und besuchen einen Freund von David, der uns in die Grotte Areni I zeigt. In der Höhle, die gar nicht tief in den Berg hinein führt, wurden zahlreiche gut erhaltene Artefakte gefunden. Darunter der weltweit älteste, vollständig erhaltene Lederschuh und die älteste Weinfabrikation mit Fermentationsbottichen, einer Weinpresse, Krügen sowie einem Trinkhorn.

Im stabilen kalten und trockenen Klima der Höhle hatte sich der über 5000 Jahre alte Schuh extrem gut erhalten. Ein weiterer Grund für die guten Erhaltungsbedingungen war wohl eine dicke Schicht aus Schafsdung, durch die die darunter liegenden Schichten quasi versiegelt waren. Wir steigen in die Höhle, wo noch die Drähte der Archäologen gespannt sind. Der Höhlenführer ermahnt uns nichts zu zerstören, die Arbeiten sind noch lange nicht abgeschlossen, und man hofft auf weitere Funde.

Wir fahren zurück zur Pension nach Yeghegnadzor, beziehen die Zimmer und duschen uns, bevor wir zu Davids Familie nach Areni fahren.

Die Eltern von David sind vor kurzem erst in Ihre alte Heimat von Jerewan gezogen und bauen nun Wein an. Sie begrüßen uns herzlich, und wir setzen uns in das Wohnzimmer, Weine aus Areni werden gereicht, ein halbsüsser und ein trockener Rotwein und was ganz besonderes, einen Granatapfelwein. Wir kosten alle drei und sogar der halbsüsse schmeckt mir. Die Mutter tischt auf, als erstes gibt es Salat und Brot, dann eine Bohnensuppe mit Kichererbsen. Davids Vater bereitet die Hauptspeise vor, Fisch aus dem Arpa, der Fluss, der durch das Tal fließt. Der Fisch ist klein und wird zusammen mit Paprika und Tomate gekocht und man isst ihn mit den Fingern. Ich nehme das Brot (Lavasch) zur Hilfe und bin von dem Gericht begeistert. Neben dem Wein kennt der Gastgeber auch noch den „Wodka“, hier sind es ganz edle Schnäpse und wir probieren alles einmal.

Davids Vater ist Weinbauer und beschäftigt sich mit der Geschichte Armeniens. Er schrieb schon drei Bücher u.a. auch ein Buch zum geschichtlichen Verhältnis zu Aserbaidschan. Er erzählte viel von dem Verhältnis und dass die Christen in der Gegend immer benachteiligt wurden. In der Sowjetzeit war die Religionsfreiheit nicht gegeben, und die Nachbarn sind alle dem Islam zugewandt und stehen Armenien negativ gegenüber. Nach 23:00 fahren wir zurück zur Pension, recht müde und ein wenig angetrunken.