5.10. – verlassenes Dorf und einsame Klöster

Sonntag 05.10.14 – 9. Tag

Wir fahren über kleine Straßen zu dem Dorf mit dem absolut unaussprechlich wie unleserlichen Namen Khndzoresk. Der neue Teil des Dorfes ist in den 50er Jahren auf dem Plateau gebaut worden, vorher haben die Menschen in den Höhlen der bizarren Felsformationen gewohnt. Wir stehen auf dem Portal eines guten Aussichtspunktes und können das gesamte Tal einsehen.

Neben Gebäuderuinen aus dem 19. Jahrhundert blieben im Tal eine dreischiffige Basilika aus dem 17. Jahrhundert, sowie eine ein schiffige Kirche und die Ruinen einer Einsiedelei erhalten. Nach ein paar Minuten fahren wir rauf in das Dorf und über einen kleinen Weg wieder runter in die Tuffstein-Landschaft. Ein paar Höhlen sind zugänglich, wir können uns kaum vorstellen, dass jemand da wohnen kann.

Seit dem 16. Oktober 2010 ist das Kloster Tatev durch eine Seilbahn, die sich auch „Wings of Tatev“ nennt, über die Worotan-Schlucht mit dem Ort Halidsor verbunden. In elf Minuten können Besucher ganzjährig das Kloster erreichen. Die Seilbahn ist mit 5750 Metern die längste in einer Sektion mit einem durchgehenden Tragseil ausgeführte Pendelbahn der Welt. Wir freuen uns auf die Seilbahn, doch als wir den Berg hinauf fahren wird es stetig nebeliger, und wir einigen uns darauf zu verzichten und die Strecke mit dem Motorrad zu bewältigen.

Auf dem Weg runter nimmt der Nebel ab, wir halten an einer kleinen Kirche, wo wir ein Paar aus dem Schwäbischen treffen. Sie sind schon 6 Wochen unterwegs und wollen langsam wieder zurück. Von der Kapelle aus haben wir einen schönen Ausblick in das Tal und auf das Kloster Tatev, dass ja unser Ziel ist. Wenn der Nebel nicht wäre könnte man hier stundenlang stehen bleiben und in die herrliche Landschaft sehen.

Auf dem Weg zu diesem Kloster gibt es eine Naturbrücke genannt Devils Bridge (Teufelsbrücke) auf armenisch Satani Kamurj. Wir halten kurz an und gehen die Stiege herunter. Am Rand des schmalen Wanderwegs sind verschiedene Quellen, aus denen warmes Mineralwasser sprudelt. Die Wände des Canyons sind vom Wasser pink und gelbgrün gefärbt. An den Rändern der Brücke, direkt auf dem Wasser hängen riesige Eiszapfen-Stalaktiten von phantastischen Formen.

Der Fluss verschwindet dann mit einer Breite von fast dreißig Metern unter Steinbögen und kommt nach etwa hundert Metern wieder zum Vorschein. Bernd wäscht seine Stiefel in dem warmen Wasser und wir gehen die Stiege wieder rauf, wo Jürgen auf uns wartet.

Wir fahren die Schotterpiste in herrlich engen Serpentinen rauf zum Kloster Tatew. Bevor wir die Klosteranlage betreten, gehen wir in das kleine Café und trinken einen Kaffee. Der Parkplatz ist nahezu voll, und die Seilbahn ist nun auch frei von Nebel. Wir ärgern uns aber nicht, dass wir die Straße genommen haben, die Route war toll, einfach eine herrliche Strecke in wunderschöner bewaldeter Landschaft.

Das Kloster wurde im 9. Jahrhundert am Ort eines alten Heiligtums erbaut. Es war ein sehr bedeutendes intellektuelles Zentrum Armeniens und zwischen 1390 und 1453 eine anerkannte Universität. Wie viele armenische Klöster des Mittelalters wurde Tatev mit einer Mauer zur Abwehr der Invasionen dieser Zeit umgeben. Das Hauptdenkmal ist die Kirche von Peter und Paul aus dem 9. Jahrhundert, daneben die St. Grigor-Kirche ca. 300 Jahre später.

Auf das Nordportal wurde 1087 die Muttergottes-Kirche gesetzt. Leider wurde der Komplex bei einem Erdbeben in 1931 erheblich zerstört, teilweise wurden die Schäden schon restauriert, aber viele Teile sind einfach leer. In der Hauptkirche findet gerade eine Hochzeit statt, wie in Armenien üblich laufen Touristen umher und fotografieren einige Szenen mit dem Priester und dem Brautpaar.

Im Innenhof treffen wir ein deutsches Paar aus Darmstadt, sie sind mit ihrem Feuerwehrauto unterwegs nach Indien. Wir geben ihnen ein paar Tips für Armenien udn verabschieden uns.

Wir sehen uns das Gefährt noch an, bevor wir die wenig befahrene Erdstraße nach Süden über Tandzaver bis Kapan fahren. Der Nebel lichtet sich und wir halten noch kurz an, um die Klosteranlage noch mal in Gänze zu sehen.

Wir halten an einem Platz wo mehrere Menschen auf einer Decke sitzen und zu Mittag essen. Lavasch, Wurst, Käse und Salat wird von Ihnen stehend und sitzend verspeist. Die Nebelschwaden werden wieder dicker, und wir fahren weiter.

Die Sandpiste ist schön zu fahren und wir durchfahren ein paar einsame Dörfer bis wir schließlich Kapan erreichen, die Hauptstadt der Provinz Siunik und mit ca. 45 tausend Einwohnern die größte Stadt im Süden des Landes.

Wir kommen im Hotel Diana an und stellen erstmal die Motorräder ab. Leider hat der Hotelier kein Bier, und Vardan fährt schnell in die Stadt um das Stiefelbier zu besorgen. Wir sitzen in der Sonne und trinken unser leckeres Gyumri-Bier. Als David mit dem Auto ankommt, bringen wir das Gepäck auf die Zimmer, duschen und ruhen uns ein wenig aus.

Abends gehen wir in die Stadt essen. Das Restaurant ist voll von jungen Menschen, überwiegend Frauen. Nach einer Stunde wechselt aber die Gesellschaft, kleine Gruppen von Männern besetzen nun die Tische und Stühle. Wir flanieren nach dem üppigen Mal die Hauptstraße rauf und runter.

Dabei schauen wir in einen Barbier-Laden und scherzen: „nun muss der Bart ab, Jürgen“. Er gibt sich einen Ruck und lässt den Frisör an seinen Bart und ruckzuck ist er auf wenige Zentimeter gestutzt. Jürgen ist zufrieden, obwohl der Bart wirklich minimiert wurde und zahlt die verlangten 1000 Dram, was etwa 2€ entspricht.

Wir gehen wieder zurück und trinken im Hotel noch ein Schnäpschen.