6.10 – durch Nationalparks zur iranischen Grenze

Montag 06.10.14 – 10. Tag

Frühstück gibt es erst um acht Uhr, und wir stehen schon früher in dem kahlen Saal und warten auf den Morgenkaffee. Vardan sagt kurz an, dass wir heute die iranische Grenze erreichen werden und dann am Grenzfluss nicht fotografieren sollten. Die Grenzer würden alles sehen und es wäre gefährlich, erwischt zu werden.

Auf die Frage ob wir uns an der Grenze zu Aserbaidschan befinden, antwortet er kurz und knapp. „that´s far away“. Wir sind an der Grenze einer armenisch kontrollierten Pufferzone, die Aserbaidschan zugehörig ist und das mittlerweile eigenständige Nagorny Karabach absichern soll. Der Konflikt zwischen den Staaten ist auch in den Köpfen der Armenier nicht beendet, es besteht nur Waffenruhe und die Konflikte bleiben, wie wir es in den Gesprächen immer wieder feststellen.

Es hat in der Nacht geregnet und die Straße ist nass, wir fahren zunächst tanken, bevor wir uns in die Berge des Shikahogh-Reservat auf super ausgebauter Straße begeben. Das Schutzgebiet mit einer Fläche von 100 km² wurde im Jahr 1958 vor allem zum Schutz der Wälder gegründet. Eichen-dominierte Laubwälder begleiten uns in eine Höhe von über 1000m. Über den Wäldern, etwa in Höhen von 2.200 m und mehr dominiert Gebirgsgrasland. Zwischen beiden Lebensraumtypen gibt es einen breiten Übergangsbereich.

Die beiden wichtigsten Flüsse sind der Tsav und der Shikahogh.

Nach eine knappen halben Stunde bleiben wir an einem Aussichtspunkt stehen und sind beeindruckt von der Landschaft aber auch erstaunt über einen türkisfarbenen See mit weißen Ablagerungen. Vardan erklärt dass sei Abfall der Kupferindustrie, rund um Kapan gab es Kupfer- und Goldabbau. Die Umrandung des Sees ist wie der See selber tot, dort herrscht kein Leben mehr, eben Industrieabfall.

Die Landschaft ist sonst aber wunderschön, und wir treffen auf das nächste von Menschen gemachte Unheil – wir treffen auf das Minengebiet von Srashen. Wie auch in anderen Dörfern rund um Kapan, leben die Menschen hier seit über 20 Jahren mit den Minenfeldern, die während des Konfliktes mit Aserbaidschan gelegt wurden.

Wir treffen auf ein Team des Halo Trust, eine amerikanische Organisation, die in diesem Gebiet die Minenbeseitigung organisiert. Die aufgestellten Schilder warnen vor der Minengefahr, ab hier gehen die Männer nur gepanzert in das Tal um die gefährlichen Minen zu finden und zu entschärfen. Vardan erzählt, dass hier immer wieder auch Kinder verunglücken.

Wir kommen an die Baumgrenze heran und es wird kühler, die Aussicht ist atemberaubend. Wir durchfahren ja auch den Arevik-Nationalpark, der mit einer Fläche von 344 Quadratkilometern das größte Schutzgebiet Armeniens ist. Hier in den Laubwäldern, offenen Waldlandschaften, subalpinen Grasländern, Halbwüsten und Gebirgssteppen sollen alle möglichen bedrohten Tierarten beheimatet sein. Allerdings begegnen wir auf unserer Fahrt auf wunderschöner Straße keinen Tieren.

An einem Gartenzaun direkt neben der Straße machen wir halt. Vardan springt eine angestellte Holzrampe hinauf und geht durch die Pforte des Gartenzauns, er pflückt Weintrauben und verteilt sie an uns. Richtig lecker, leicht süßlich. Wir sehen auch noch Granatäpfel an den Bäumen, auch hier pflückt Vardan ein paar, schneidet sie durch und wir testen die leckere Frucht.

Nach einer halben Stunde Pause mit ordentlicher Vitaminzufuhr erreichen wir Shvanidzor, hier wird die Landschaft trocken und Sonne brennt uns auf die Helme. Wir haben den Grenzfluss Aras erreicht.

Die Grenze zwischen Armenien und Iran bildet auf armenischer Seite ein 3m hoher Zaun mit Stacheldraht, davor ist ein Draht montiert, der anscheinend Strom führt. Die Fläche von der Straße bis zum Zaun ist geharkt.In Blickweite sind Aussichtstürme aufgebaut, wir sehen dort keine Grenzer, wobei Vardan meint, sie wären da und beobachten uns. Auf der anderen Seite sehen wir ab und zu Gebäude mit iranischer Flagge und einige Autos auf der Straße.

Wir fahren bis Agarak, dem Grenzübergang, eine Schlange steht davor, anscheinend ist Mittag, und die Grenzer machen Pause. Wir fahren zurück und fahren durch Meghri, eine wichtige Handelsstadt zwischen dem Iran und Armenien.

An einem Café halten wir an, es scheint alles geschlossen zu sein, doch die Hunde wecken den Barbesitzer und er serviert uns einen leckeren Kaffee und ein paar süße Croissants. Die Hunde sind friedlich und fangen an zu kläffen als wir wieder die Motorräder starten und der Straße Richtung Kajaran folgen. Die Bäume an den Hängen und in den Tälern tragen bereits herbstliche Farben.

An einem Parkplatz treffen wir auf zwei Radfahrer, ein Deutscher und ein Schweizer. Sie wollen noch nach Meghri fahren und dann weiter in den Iran. Sie ziehen sich gerade warm an, für sie geht es jetzt bergab, und der Fahrtwind ist schon recht kühl. Der Schweizer ist auf Welttour und hat noch zwei Jahre vor sich, der deutsche Radfahrer weiß noch nicht genau ob er weiter fährt.

Die Landschaft ist immer noch teilweise karg und wir sehen an den Hängen zwischen all der schönen Landschaft immer wieder Abraumhalden der Goldbergwerke.

Wir kommen schließlich wieder in Kapan an und trinken in einem Parkcafé einen Kaffee. Kapan ist eine große, aber auch hässliche Stadt, teilweise modern, teileweise zerfallen.

Durch Kapan führt die einzige Schnellstraße des Landes (M2), die Armenien über den Grenzübergang bei Meghri mit dem Iran verbindet. Alle aus dem Iran kommenden Güter werden auf dieser Straße transportiert. Un dso sieht die Stadt auch aus – verkehrsreich und schmuddelig.

Unser Ziel ist Goris und wir verlassen die Stadt während es leicht anfängt zu regnen. Die Nebenroute nach Goris soll sehr schön sein, verspricht Vardan, aber wir sehen davon überhaupt nichts. Je höher wir kommen, desto nebeliger wird es. Jeder kann kaum seinen Vorfahrer sehen und den entgegenkommenden Verkehr erkennen wir auch sehr spät. Der Nebel bleibt so dicht, bis wir das Hotel in Goris erreicht haben, und wir brauchen extrem lange für die sechzig Kilometer.

Die Stadt Goris liegt in einem Talkessel des Flusses Vararak, umgeben von hohen Sandsteinbergen. Da es schon wieder spät ist gehen wir auch gleich nach dem Duschen zum Abendessen im Speisesaal. Da wir von dem Nebel ziemlich geschlaucht sind, gehen wir nach dem zweiten Bier auch schon ins Bett.